Blick auf Düsseldorf, Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen

Apotheken in NRW: Warum es seit 2010 ein Viertel weniger sind

Wer verstehen will, warum es in Nordrhein-Westfalen heute so viel weniger Apotheken gibt, muss weiter zurückblicken als bis zum letzten Quartal. In unserem ersten Beitrag zur Apothekenversorgung in NRW ging es um die aktuellen Zahlen aus 2026. Hier schauen wir auf die Entwicklung seit 2010 und fragen, welche Ursachen die Kammern, die ABDA und eine Landesstudie nennen.

Auf einen Blick

  • Seit 2010 ist die Zahl der Apotheken in NRW um rund ein Viertel gesunken: von 4.673 vor 15 Jahren auf 3.510 (Stand Anfang 2026).
  • 2025 gab es in NRW 97 Schließungen und nur zwölf Neueröffnungen.
  • Die Zahl der Kommunen mit nur noch einer Apotheke hat sich in zehn Jahren um fast 80 Prozent erhöht.
  • Als Gründe nennen die Beteiligten unter anderem das seit 2013 kaum angepasste Honorar, fehlende Nachfolger und Fachkräftemangel.

Wie stark ist das Apothekennetz in NRW geschrumpft?

Die beiden Apothekerkammern in Nordrhein-Westfalen, Nordrhein und Westfalen-Lippe, lassen die Entwicklung seit 2022 jährlich vom Institut für Handelsforschung (IFH) Köln auswerten. Die Ergebnisse der Fortschreibung wurden im Februar 2026 veröffentlicht. Demnach gibt es aktuell 3.510 Apotheken im Land, vor 15 Jahren waren es noch 4.673. Seit 2010 ist damit jede vierte Apotheke verloren gegangen. Allein im Jahr 2025 standen 97 Schließungen nur zwölf Neueröffnungen gegenüber.

Michael Schmitz, Hauptgeschäftsführer der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, ordnet es vorsichtig ein: „Noch können wir glücklicherweise knapp von einem flächendeckenden System sprechen.“ Zugleich weist er darauf hin, dass Schließungen nicht mehr nur kleine Apotheken treffen, sondern inzwischen auch wirtschaftlich größere Einheiten. Das wirke sich vor allem in ländlichen und strukturschwächeren Regionen aus.

Was bedeutet „nur noch eine Apotheke“ für eine Gemeinde?

Ein Kernbefund der Studie: Alle Kommunen in NRW haben weiterhin mindestens eine Apotheke. Aber in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Kommunen, in denen nur noch eine einzige Apotheke übrig ist, um fast 80 Prozent erhöht. Dr. Stefan Derix, Hauptgeschäftsführer der Apothekerkammer Nordrhein, lenkt den Blick auf diese sogenannten Solitär-Apotheken. Sie übernehmen oft überdurchschnittlich viele Versorgungsaufgaben und sind zugleich besonders anfällig für wirtschaftliche und personelle Belastungen.

Das hat eine praktische Seite für dich. Wenn in deinem Ort nur eine Apotheke bleibt, hängt vieles an diesem einen Betrieb: Öffnungszeiten, Beratungskapazität, Lieferfähigkeit. Fällt sie weg, wird aus dem Spaziergang eine Fahrt in die Nachbarstadt. Wo die nächste Apotheke liegt, siehst du über die Apothekensuche für Nordrhein-Westfalen.

Ein Gegenbeispiel: Kleve

Nicht überall ist die Lage gleich. Das Portal STADT-IO berichtete am 14. Januar 2026 über Kleve am Niederrhein. Dort sank die Zahl der Apotheken von zehn auf neun, weil die Löwen-Apotheke in Kleve-Kellen Anfang 2025 schloss. Rechnerisch wären nach der Einwohnerzahl für das gesamte Stadtgebiet etwa sechs Apotheken zu erwarten. Kleve gilt im NRW-Vergleich deshalb nicht als unterversorgt, die Lage wird als tendenziell stabil eingeschätzt. Das Beispiel zeigt, dass der Rückgang unterschiedlich wirkt: Eine Stadt mit überdurchschnittlicher Dichte verkraftet eine Schließung besser als eine Gemeinde mit nur einem Betrieb. Wenn du in Kleve wohnst, findest du die Standorte auf der Seite für Kleve.

Dieselbe Quelle verweist darauf, dass die Apothekerkammer den regionalen Medien eine Übersicht nach Kreisstellen zur Verfügung stellt. Wer wissen will, wie es im eigenen Kreis aussieht, kann dort nachlesen, welche Schließungen und Neueröffnungen es im Vorjahr gab.

Welche Ursachen nennen ABDA und Landesstudie?

Honorar und Kosten

Die ABDA sieht im Honorarstillstand den Hauptgrund für die Schließungswelle. Laut ihrer Pressemitteilung vom 13. Januar 2026 wurde das Fixhonorar, das es seit rund 22 Jahren gibt, in dieser Zeit nur einmal erhöht: 2013 um 3,1 Prozent. Die Kosten seien seit 2013 nach Angaben der ABDA um 65 Prozent gestiegen. Für immer mehr Apotheken sei ein wirtschaftlicher Betrieb nicht mehr darstellbar, sagt ABDA-Präsident Thomas Preis. Bundesweit sank die Zahl der Apotheken von 20.662 im Jahr 2013 auf 16.601 Ende 2025, ein Rückgang von 19,7 Prozent. Das ist die Sicht der Berufsvertretung; die Zahlen selbst stammen aus den Meldungen der Landesapothekerkammern.

Nachfolge und Fachkräfte

Schon die Zukunftsstudie „Apotheken und Approbierte in Nordrhein-Westfalen“, die Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann gemeinsam mit den beiden Kammern am 4. Juli 2023 vorstellte, nannte einen ausgeprägten Mangel an Apothekerinnen und Apothekern. Sie stützte sich auf eine Befragung von knapp 5.000 Kammermitgliedern, Pharmaziestudierenden und Apothekenkunden sowie auf Kammerstatistiken, Bevölkerungs- und Geodaten. Viele Inhaberinnen und Inhaber finden demnach am Ende ihres Berufslebens keine Nachfolge und schließen ihre Apotheke, sodass sie aus der Versorgung verschwindet. Kammerpräsident Hoffmann sagte damals, auf einen stellensuchenden Apotheker kämen bereits bis zu 20 offene Stellen.

Die Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass die öffentliche Apotheke im Vergleich zu anderen pharmazeutischen Berufsfeldern als wenig attraktiv gilt. Als Gegenmittel nannten die Kammern mehr Praxisbezug im Studium, Anreize und stabile Bedingungen für die Selbstständigkeit, weniger Bürokratie und die gezielte Ansprache der „stillen Reserve“, also approbierter Mitglieder, die derzeit nicht im Beruf arbeiten. Die Fortschreibung vom Februar 2026 ergänzt: Die Zahl der in öffentlichen Apotheken tätigen Offizin-Apothekerinnen und -Apotheker sinkt seit mehreren Jahren, und Arbeitszeitmodelle sowie Altersstrukturen verändern sich.

Standort und Rahmenbedingungen

Zu den Zahlen und Studien kommt die Praxis vor Ort. Der Fall der Troisdorfer Brunnen-Apotheke aus unserem ersten Beitrag zeigt, dass auch Mieten, Räume und Vermieterentscheidungen den Ausschlag geben können. Bei der Hirsch-Apotheke in Bad Honnef, über die die Pharmazeutische Zeitung am 16. Oktober 2026 berichtete, soll das Gebäude abgerissen werden. Bad Honnef hatte einst sechs Apotheken, heute sind es drei. Beides sind Einzelfälle, doch sie passen zu dem, was die Kammern als strukturelles Problem beschreiben.

Was lässt sich aus der Entwicklung ablesen?

Der Rückgang ist kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis von mindestens anderthalb Jahrzehnten. Er verteilt sich ungleich: Manche Städte haben noch eine hohe Dichte, andere Gemeinden stehen mit einer einzigen Apotheke da. Für die Menschen in NRW ist deshalb weniger die Landeszahl entscheidend als die Frage, wie es im eigenen Umfeld aussieht. Mit dem bundesweiten Apothekenverzeichnis und der Kartensuche kannst du dir ein Bild machen. Im dritten Beitrag blicken wir darauf, was politisch geplant ist.

Aktuell: Warum auch auf dem Land alteingesessene Apotheken schließen

Welche Gründe hinter den Schließungen stehen, fasst ein WDR-Beitrag vom 7. Oktober 2026 zusammen. Der Apothekerverband Nordrhein nennt dort stagnierende Einnahmen, steigende Gehälter, hohe Mieten und die Konkurrenz durch Online-Apotheken. Auf dem Land stehen Apotheken laut Verband oft wirtschaftlich besser da, weil sie weniger Wettbewerb haben. Trotzdem machen auch dort traditionsreiche Betriebe zu.

Ein Grund ist der Standort. Die Troisdorfer Apothekerin Gabriele Köhler zählt auf, was Räume mitbringen müssen: Platz für ein Labor, für den Nachtdienst, ein Lager und einen Verkaufsraum, dazu eine kühle Lagertemperatur und Barrierefreiheit. Findet sich kein passendes Ladenlokal oder verlangt der Vermieter plötzlich mehr, scheitert eine Übergabe schnell. In Bad Honnef sucht Apothekerin Bettina Müller-Plenk nach eigener Aussage seit 20 Jahren einen neuen Standort, nachdem ihr Vermieter das Haus abreißen will. Die Ursachen reichen damit über das Honorar hinaus bis in den Immobilienmarkt.

Quellen und weiterführende Links