Apotheken in NRW: Wie es nach der Reform weitergeht
Wie geht es mit den Apotheken in Nordrhein-Westfalen weiter? Nach den Zahlen aus Teil 1 und den Ursachen aus Teil 2 richtet sich der Blick jetzt nach vorn. Seit Juli 2026 gilt ein neues Bundesgesetz, das Honorar steigt, und die Kammern fordern weiter, dass sich die Lage vor Ort wirklich ändert. Hier steht, was feststeht, was noch offen ist und was du selbst tun kannst.
Auf einen Blick
- Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) ist am 2. Juli 2026 in Kraft getreten, einzelne Teile folgen später.
- Das Fixhonorar je rezeptpflichtiger Packung stieg zum 1. Juli 2026 von 8,35 auf 9,00 Euro und soll Anfang 2027 auf 9,50 Euro steigen.
- Die Kammer Nordrhein warnt, dass die Erhöhung verpuffen könnte, wenn sie an anderer Stelle wieder abgezogen wird.
- Noch gibt es in jeder NRW-Gemeinde mindestens eine Apotheke; wie lange das so bleibt, nennt die Kammer ungewiss.
Was ist im Sommer 2026 beschlossen worden?
Der Bundestag hat das ApoVWG am 22. Mai 2026 beschlossen, der Bundesrat stimmte am 12. Juni zu. Verkündet wurde es am 1. Juli, in Kraft getreten ist es am 2. Juli 2026. Die ABDA beschreibt in ihrer Übersicht, was seit dem Inkrafttreten sofort gilt: erweiterte Austauschmöglichkeiten bei Rabattverträgen, eine erweiterte Regelung gegen sogenannte Nullretaxationen, Selbstzahler-Schnelltests zum Beispiel auf Influenza- oder Noroviren sowie eine eng begrenzte Abgabe rezeptpflichtiger Arzneimittel ohne Rezept zur Anschlussversorgung chronisch Kranker.
Manches braucht Zeit. Neue pharmazeutische Dienstleistungen müssen laut ABDA erst in Standardarbeitsanweisungen und Vergütungsverhandlungen übersetzt werden. Die venöse Blutabnahme und Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen warten auf Mustercurricula der Bundesapothekerkammer. Nach Berichten von APOTHEKE ADHOC bringt das Gesetz fünf weitere pharmazeutische Dienstleistungen und erweiterte Impfkompetenzen. Für dich als Kundin oder Kunde heißt das: Das Angebot der Apotheke vor Ort wird breiter, aber nicht alles ist ab sofort überall verfügbar. Frag am besten in deiner Apotheke nach, was sie schon anbietet.
Reicht die Honorarerhöhung aus?
Seit dem 1. Juli 2026 beträgt das Apothekenfixum 9,00 Euro je abgegebener rezeptpflichtiger Packung, zuvor waren es 8,35 Euro. Es ist die erste Anhebung seit mehr als 13 Jahren. Zum Jahreswechsel soll die zweite Stufe auf 9,50 Euro folgen. Die ABDA hatte zuvor betont, dass die Kosten seit der letzten Erhöhung 2013 um 65 Prozent gestiegen seien.
Die Apothekerkammer Nordrhein mahnt laut APOTHEKE ADHOC (3. Juli 2026) zur Wachsamkeit. Wird die Honorarerhöhung an anderer Stelle wieder abgezweigt, drohe der Effekt zu verpuffen. Der erhöhte Apothekenabschlag zehre die Anhebung ohnehin teilweise wieder auf, die wirtschaftliche Perspektive vieler Betriebe bleibe unsicher. Präsident Dr. Armin Hoffmann bewertet das ApoVWG nach Angaben der Pharmazeutischen Zeitung grundsätzlich positiv und fordert verlässliche Rahmenbedingungen.
Ob die Mehreinnahmen die Zahl der Schließungen tatsächlich bremsen, lässt sich im Herbst 2026 noch nicht belegen. Die jüngsten Kammerdaten zeigen weiterhin mehr Schließungen als Neueröffnungen. Seriöse Aussagen über einen Trendwechsel brauchen mehrere Quartale an Daten.
Was fordern die Kammern von den Kommunen?
Die Apothekerkammer Nordrhein richtete sich im April 2026 ausdrücklich auch an die Kommunalpolitik. Bürgermeisterinnen, Bürgermeister, Landrätinnen und Landräte sollten sich für die Lage vor Ort interessieren. Außerdem müsse sich die Übernahme oder Gründung einer Apotheke auch künftig lohnen, damit junge Apothekerinnen und Apotheker verlässliche Signale bekommen. Eine gemeinsame Untersuchung mit der Apothekerkammer Westfalen-Lippe zeige, dass es derzeit in jeder Gemeinde in NRW noch mindestens eine Apotheke gibt. Wie lange das so bleibt, sei jedoch ungewiss. So fasst es LokalKlick, eine Online-Zeitung für das Rhein-Ruhr-Gebiet, am 12. April 2026 zusammen.
Das Beispiel Bad Honnef zeigt, wie auch Lokalpolitik ins Spiel kommen kann. Die Pharmazeutische Zeitung berichtete am 16. Oktober 2026, dass die Hirsch-Apotheke nach rund 160 Jahren Ende des Jahres schließt, weil die Kreissparkasse Köln das Gebäude weitgehend abreißen und durch ein Wohn- und Geschäftshaus mit moderner Filiale ersetzen will. Die Inhaberin Bettina Müller-Plenk sagt, die Apotheke wäre verkäuflich gewesen, es habe zwei Interessenten gegeben. Ein anderes geeignetes Gebäude in der Innenstadt für eine moderne Apotheke gebe es laut Bericht nicht. Sie vermisst außerdem Interesse im Stadtrat. Die Apotheke biete zudem in Zusammenarbeit mit einer Arztpraxis die Substitutionstherapie an, auf die Betroffene teils seit über 20 Jahren bauen. Die Kreissparkasse verweist auf den dringenden Wohnraumbedarf. In Bad Honnef gab es einst sechs Apotheken, heute sind es drei.
Was kannst du als Patientin oder Patient tun?
Politik und Berufsverbände entscheiden über Rahmenbedingungen, aber du hast ebenfalls Einfluss darauf, wie gut dein Umfeld versorgt bleibt. Ein paar Ideen, die sich aus den beschriebenen Entwicklungen ableiten lassen:
- Informiere dich, welche Apotheken in deiner Nähe liegen. Über die Apothekensuche für Nordrhein-Westfalen siehst du Standorte auf der Karte, zum Beispiel auch in Bonn und Umgebung.
- Such dir eine Stammapotheke, die dich und deine Medikation kennt. Das erleichtert Beratung und Planung, gerade bei Dauermedikation.
- Frag nach den neuen Angeboten wie Schnelltests oder Impfungen, sobald sie in deiner Apotheke starten. Wie schnell welche Leistung verfügbar ist, entscheidet jede Apotheke selbst.
- Wenn in deinem Ort eine Schließung droht, sprich mit Nachbarn und wende dich an die Gemeinde. Die Kammer wünscht sich ausdrücklich, dass Bürgermeister und Landräte hinschauen.
Wie wird sich die Lage in NRW entwickeln?
Sicher ist derzeit nur, was gemessen wurde: Die Zahl der Apotheken ist in Nordrhein-Westfalen seit Jahren rückläufig, 2026 bisher ebenfalls. Ob das höhere Honorar und die neuen Aufgaben die Wende bringen, werden die Quartalszahlen der nächsten Monate zeigen. Die Kammern hoffen auf mehr Gründungen, und die fünf Neueröffnungen im Jahr 2025 im Kammerbezirk Nordrhein zeigen, dass es sie gibt. Mehr zur Lage in deinem Umfeld liefert das Apothekenverzeichnis von ApoGuru.
Aktuell: Apotheken-Terminals im Test in Münster-Gelmer und Wuppertal
Wie Versorgung ohne Apotheke vor der Tür aussehen könnte, zeigt ein WDR-Beitrag vom 7. Oktober 2026. In Münster-Gelmer ist die nächste Apotheke acht Kilometer entfernt. Im örtlichen Frischemarkt steht deshalb ein digitales Apotheken-Terminal. Per Touchscreen bestellst du dort Medikamente, bei einer Bestellung bis 15 Uhr soll die Lieferung noch am selben Abend ankommen, auf Wunsch gibt es eine telefonische Beratung.
Die Annahme ist bislang verhalten. Laut Marktgeschäftsführer nutzen etwa zehn Menschen pro Tag das Gerät, und bleibt die Nachfrage in den kommenden Testmonaten so niedrig, könnte es wieder abgebaut werden. Eine Stichprobenumfrage des WDR ergab, dass gerade ältere Menschen bei akuten Beschwerden lieber in eine echte Apotheke fahren, eine Kundin zeigte sich dagegen sehr zufrieden. Auch in Wuppertal läuft ein solches Terminal als Test. Ob solche Lösungen den Wegfall von Apotheken ausgleichen können, ist damit offen. Als Ergänzung zur Apotheke vor Ort taugen sie nach heutigem Stand allenfalls dort, wo keine andere Möglichkeit bleibt.
Quellen und weiterführende Links
- Apothekensterben setzt sich auch 2026 fort (LokalKlick.eu, 2026-04-12)
- ApoVWG in Kraft: Was schon jetzt gilt und was erst später kommt (ABDA, 2026-07)
- Schließungen: Hoffmann warnt vor übersehenen Belastungen (APOTHEKE ADHOC, 2026-07-03)
- Zweites Quartal 2026: Keine Trendwende beim Apothekensterben (Pharmazeutische Zeitung, 2026-07-13)
- Bad Honnef: Apotheke muss nach 160 Jahren schließen (Pharmazeutische Zeitung, 2026-10-16)
- Apothekensterben: Wo auf dem Land Apotheken verschwinden (WDR, 2026-10-07)




















